Istanbuls Szeneviertel fehlen europäische Touristen

Istanbul – «In 25 Jahren sind mir meine Gewinne noch nie so stark eingebrochen», sagt Abdullah. Er führt ein kleines Modegeschäft in Beyoglu, Istanbuls europäisch geprägtem Szeneviertel am westlichen Ufer des Bosporus. «Alle Händler in der Nachbarschaft stöhnen.»

Bis vor ein paar Jahren zog die Istiklal Caddesi, Beyoglus berühmte Einkaufsstraße, mit ihrem Mix aus Straßenmusikern, Jugendstilbauten, Antiquariaten, Musikcafés und der historischen Straßenbahn Jahr für Jahr zahllose europäische Touristen an. Die Geschäfte, von kleinen Konditoreien bis zu Luxusläden und Galerien, waren beliebt bei Europäern – und sie konnten auf die wohlhabenden Gäste bauen.

Doch mittlerweile hat sich der Trend gedreht: Besucher aus dem Nahen Osten und der Golfregion lösen die aus Europa ab. Auf der Liste der fünf Hauptherkunftsländer von Istanbul-Touristen haben der Iran und Saudi-Arabien Großbritannien und Frankreich ersetzt, wie die städtische Tourismusbehörde mitteilt. Viele Läden haben auf den Wandel reagiert, indem sie Schilder auf arabisch und persisch aufhängen und Angestellte einstellen, die diese Sprachen sprechen.

Es ist auch das Ergebnis eines veränderten politischen Klimas, das auf den Straßen Beyoglus zu sehen ist. Sicherheitsbedenken wegen des Kriegs im Nachbarland Syrien, kombiniert mit politischen Spannungen zwischen der Türkei und mehreren EU-Staaten, haben die europäischen Touristen vertrieben – insbesondere die deutschen.

Bis Juli dieses Jahres kamen nach Daten des türkischen Tourismusministeriums noch knapp zwei Millionen Deutsche in die Türkei. Vor zwei Jahren waren es noch fast drei Millionen.

Die Unsicherheit begann, als 2013 Proteste gegen die Regierung des heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im nahegelegenen Gezi Park ausbrachen. Erst breiteten sie sich landesweit aus, dann schlug die Staatsmacht zurück – mehrere Menschen kamen ums Leben.

2016 gehörte Beyoglu zu den Orten, die am stärksten von einer landesweiten Anschlagsserie betroffen waren. Im Januar tötete ein Attentäter zwölf deutsche Touristen in Istanbul. Zwei Monate später kamen bei einem weiteren Anschlag direkt auf der Istiklal Caddesi vier Menschen ums Leben. Es folgten die Anschläge auf den Flughafen und das Stadion von Istanbul, der Putschversuch im Juli und schließlich der IS-Anschlag auf einen Nachtclub im Januar 2017.

«Viele der westlichen Touristen fühlen sich hier nicht mehr sicher. Ich hoffe, das ändert sich bald», sagt Mustafa, der in einem Dessous-Geschäft an der Straße arbeitet. «Wir wollen sie zurück.»

Die neuen Touristen kommen mit anderen Shopping-Gewohnheiten – und das ist es, was den Händlern der Istiklal Sorgen bereitet. «Touristen aus dem Nahen Osten bevorzugen große Einkaufszentren und zielen auf Sonderangebote statt auf einer beliebten Straße einzukaufen», sagt Huseyin Kirk, Vorsitzender einer Istanbuler Tourismus-Gewerkschaft. «Die Araber und Iraner kommen nur, um zu sehen, was es so gibt», stimmt Ladeninhaber Izzet zu. «Dann fahren sie wieder, geführt von ihren All-Inclusive-Touren, um anderswo einzukaufen.»

Doch die Probleme kommen nicht allein von der Sicherheitslage. Die staatlich verordnete Gentrifizierung, die eigentlich darauf abzielen sollte, noch mehr Touristen anzuziehen, hat Beyoglu nach Überzeugung von Bewohnern zum Schlechteren verändert. «Alles, was die alten, charakteristischen Sehenswürdigkeiten ersetzt, sieht einfach hässlich aus», sagt Mucella, Ladenbesitzer und Architekt im Ruhestand. «Die Behörden wollen nur große Einkaufszentren.»

Der staatlich verordnete Wandel von kleinen Läden und Bars hin zu großen Geschäften und Ketten hat auch das Leben auf den Straßen verändert. 2011 beschränkte die Verwaltung von Beyoglu die Flächen, die Bars und Restaurants für Stühle draußen nutzen können. Das erleichtert seitdem Autos die Durchfahrt – zerstörte aber zugleich eine lebhafte Freiluftkultur, die vor allem junge Menschen und Partygänger angezogen hatte.

Ercan, Verkäufer in einer der Konditoreien, führt die neue Herkunft der Touristen und die Gentrifizierung zusammen: «Einige der Bars, die wegen schwindender Erlöse schließen mussten, wurden durch Shisha-Cafés für die Touristen aus dem Nahen Osten ersetzt.»

Fotocredits: Ergin Hava
(dpa)

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